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In wenigen Orten des Freiamts hat die Fasnacht eine ähnliche Tradition wie in Muri. Wohl bestehen in vielen Dörfern Fasnachtsgesellschaften, die in der närrischen Zeit das Szepter schwingen, aber in Muri sind es gleich deren drei: Muri-Wien (Wey), Muri-Adelburg (Egg) und Muri-Neuenburg (Muri-Dorf).Diese Dreiteilung rührt von den ehemals vier selbständigen Bürgergemeinden her, die ihr Bürgergut, das Armenwesen und viele weitere Aufgaben selbst verwalteten undmit Argusaugen über ihre Selbständigkeit wachten. Nur im Weiler Hasli, einst auch selbständige Ortschaft (der vierte Ort), vermochte sich keine eigene Fasnachtsgesellschaft zu bilden; die Hasler schlossen sich Muri-Egg an. 1899 ging die Selbständigkeit der vier Ortschaften in einer einzigen Ortsbürgergemeinde auf, doch die drei Fasnachtsgesellschaften blieben bestehen. Noch heute besinnt man sich in der Narrenzeit auf die alten Rechte und die selbständigen Territorien.
Dass die Fasnacht in Muri eine alte Tradition ist, hängt auch davon ab, dass das Freiamt nach dem Zweiten Kappelerkrieg 1531 durch das Diktat der inneren Orte katholisch blieb und sich in Zukunft mehrheitlich nach der Innerschweiz orientierte. Hier nahm das fasnächtliche Treiben, im Gegensatz zu den reformierten Orten, einen festen Platz im jährlichen Brauchtum ein, und so ist es heute noch.
Eine erste Notiz von der Murianer Fasnacht stammt aus einer Akte im Staatsarchiv, nach der es 1783 zu einem Schlagabtausch zwischen den Dörflern und den Weyern kam. Das fasnächtliche Treiben bestand damals vor allem in Umzügen, Fasnachtsritten, der Aufführung von Fasnachtsspielen und einer emsigen Strassenfasnacht der Dorfbewohner. In der Fasnachtszeit achteten die Gesellschaften der einzelnen Dorfteile mit wachsamem Auge darüber, dass die Grenzen ihrer Fasnachtsstädte von fremden Narren aus anderen Ortschaften nicht verletzt wurden, diese hatten strikte in den eigenen Gemarkungen zu bleiben. „In hiesigem Amtsbezirk ware eine von unerdänklichen Zeiten hero gewonte Übung, welche zu den eltisten Mansgedänken in ein rächt erwachsen; Das kein Gemeind die andere an dem Fasnacht Montag oder den sogenamten Hirsmontag mit einer Masgerade oder Fasnachtrit in ihren Bezirk einliesse“. Einzig der Besuch des Klosters war den Narren und den Kostümierten aus allen Dorfgemeinden gestattet, dies aber nur auf genau vorgeschriebenen Wegen. Wer sich nicht an diese Abmachungen hielt, hatte mit bösen Folgen zu rechnen.
1783 hatten die Dörfler das Kloster, das dazu gehörende Haus des Kanzlers (heute Pfarrhaus) und das ebenfalls im Eigentum der Abtei stehende Löwenwirtshaus besucht. Statt darauf nach Hause zurückzukehren, umritten sie in ihrem Übermut die Wirtschaften zum Ochsen und zum Adler. Die Weyer, die bald erfahren hatten, „was die von Neüenburg im sinn hatten“, zogen aus, worauf es zu einem Handgemenge kam, bei dem die vorausreitenden Jacob Rey und Cölestin Brühlmann aus dem Dorf arg verprügelt und misshandelt wurden, so dass sie sich in ärztliche Behandlung begeben mussten. Der Raufhandel kam vor den Landvogt, zwei Chirurgen gaben ihre Atteste ab, und zum Schluss erhielten einige der rabiaten Weyer, die ihr Fasnachtsterritorium verteidigt hatten, vom Landvogt eine saftige Busse aufgebrummt. Zu bemerken ist zudem, dass bereits in dieser Zeit die Namen Wien, Neuenburg (Neüenburg) und Adelburg) während der Fasnacht gebräuchlich waren.
Zu einem weiteren Zusammenstoss kam es 1927, als die Wiener einen Umzug mit Musik und Wagen durchführten. Vom Stadthof Ochsen zogen sie in Oberwey, dann den südlichen Klosterrain hinunter, um ihre Wagen im Bahnhofquartier zu zeigen. Beim Rothaus fuhr aber der Zug auf eine von den Adel- und Neuenburgern errichtete Strassensperre auf, wo der Vizeschultheiss der Adelburger dem Wiener Schultheissen ein Schreiben vorlegte, nach dem sich die Wiener verpflichten sollten, das Bahnhofquartier, das schon lange zu ihrem Territorium gehörte, an Adelburg abzutreten. Man fing an, sich zu prügeln. Als die Besatzung der beiden letzten Wagen des Wiener Umzuges davon Kunde erhielt, kehrten sie um, fuhren den Nordklosterrain hinunter, fielen den Eggern und Dörflern beim ehemaligen Restaurant Etter (heute Restaurant Rebstock) in den Rücken und sprengten die feindliche Schar auseinander. An der Siegesfeier an jenem Abend soll es im Wey hoch zu- und hergegangen sein.
Ein Jahr später, 1928, verhandelten die Wiener mit den Neuenburgern über eine klare Abgrenzung ihrer Fasnachtsgebiete. 1932 kam es zu einer endgültigen Grenzbereinigung mit den Adelburgern, die das Bahnhofquartier für alle Zeiten aufgeben mussten, da festgelegt wurde, in Zukunft eine „Linie, so geht durch die Mitte der Fahrbahn der Eisenbahn“ als Grenze zu bestimmen.
Höhepunkt für jede Fasnachtsgesellschaft ist die Maskenreunion, die am „Nationalfeiertag“ stattfindet: in der Egg am Schmutzigen Donnerstag, im Dorf am Fasnachtssamstag und im Wey am Güdismontag. Da produzieren sich die Masken, einzeln, zu zweit oder in Gruppen in den Dorfkneipen. Die Tambourenkorps lassen mit ihren Darbietungen die Lokale erdröhnen, und die Guggenmusiken freuen sich an den von ihnen produzierten Kakophonien. Um Mitternacht walten dann die Scharfrichter ihres Amtes und schreiten zur Prämierung der Masken und Schnitzelbänkler.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Fasnachtstreiben in seiner ursprünglichen Form mehr und mehr ab, vor allem die Strassenfasnacht serbelte langsam dahin. Um ihr neue Impulse zu geben, entschlossen sich die Fasnachtsgesellschaften 1967, die Narrenzeit mit der sogenannten Schlüsselübergabe und dem Eröffnungsball zu lancieren. Die Magistraten der drei Städte versammeln sich dazu in ihren Stadthöfen, marschieren dann in einem Sternmarsch von drei Seiten her in den Festsaal ins Wey, wo dann die Vertreter des Gemeinderates den Wechsel von der weltlichen zur fasnächtlichen Behörde vollziehen, indem den Schultheissen die goldenen Schlüssel überreicht werden, als Symbol der Macht.
Jährlich treffen sich die drei Fasnachtsgesellschaften zur Sitzung der „Vereinigten Fasnachtsgesellschaften von Muri“, zu welcher auch Hohen-Wien (Buttwil) gehört. Wichtigstes Traktandum dabei ist der Fasnachtsumzug, welcher in der Regel alle vier Jahre organisiert wird. Erwähnenswert ist, dass erst seit den Sechziger Jahren ein gemeinsamer Umzug stattfindet. Bis zu jenem Zeitpunkt stellt jede Fasnachtsgesellschaft ihren eigenen Umzug zusammen. Eine weitere Aufgabe ist die Organisation der Kinderfasnacht.
Mit dem Boom der Guggenmusigen in fremden Fasnachtszentren, insbesondere Luzern, entstanden 1969 die „Stiefeliryter“, die sich nach dem schlauen und arglistigen Klostervogt benannten. 1973spaltete sich eine Gruppe nach einem Streit ab und gründete die „Gängelimusig“, die ihren Namen von einem einstigen Dorforiginal herleitete, nämlich vom Dorfmauser Wolfgang Stöckli (zu sehen auf dem Wandbild bei der alten Post, gegenüber dem Hotel Adler). Seit Jahren organisieren die Gängeli die Altersfasnacht. 1974 ging zum ersten Mal unter ihrer Leitung das Monsterkonzert auf dem Klosterhof über die Bühne. Das Monsterkonzert ist der grösste Anlass seiner Art in der Schweiz. Mehr als 50 Guggenmusiken nehmen daran teil. |